06:42 Uhr – Aufwachen.
Nicht durch den Wecker. Durch Holstein.
Er hat geträumt, dass ich im Präsens geschrieben habe.
Er ist wütend.
07:11 Uhr – Tee machen.
Frühstück gibt es nicht. Frühstück ist eine bourgeoise Illusion.
Holstein trinkt literarische Überheblichkeit mit einem Spritzer Zynismus.
08:03 Uhr – Rechner hochfahren.
Datei öffnen: KAPITEL_5_vielleicht.
Drei Absätze lesen.
Einen davon löschen.
Tee umrühren. Obwohl niemand daran gerührt hat.
09:17 Uhr – Holstein sagt:
„Wenn du nicht weißt, was du sagen willst, dann schreib wenigstens so, dass es nach Bedeutung aussieht.“
Ich tippe einen Satz, der klingt wie ein Zitat aus einem Buch, das nie geschrieben wurde.
Ich bin kurz stolz. Dann lösche ich ihn.
10:35 Uhr – Recherche.
Geplant: „Psychologische Mechanismen bei Kundenbetreuung in Großraumbüros“
Gelandet: „Können Pudel Schuld empfinden?“
12:12 Uhr – Mittagspause.
Ich esse Reste. Holstein liest den Vertrag mit dem Verlag.
Er findet ihn amüsant. Aus Gründen.
13:47 Uhr – Schreiben.
Richtig. Schreiben.
Drei Sätze.
Einer davon überlebt den inneren Lektoratshund.
Es ist der mit dem leeren Raum und dem blinkenden Cursor.
Autobiografisch.
15:00 Uhr – Spaziergang.
Nicht draußen. Im Kopf.
Ich gehe die Struktur durch, verliere mich in Kapitel 3, finde den Weg nicht zurück.
Holstein legt mentale Brotkrumen, aber sie führen in eine Teeküche.
17:28 Uhr – Holstein sagt:
„Du hast heute Fortschritt gemacht.
Weniger Text, mehr Wahrheit.
Und trotzdem bleibst du der unwahrscheinlichere Teil unserer Symbiose.“
Ich trinke kalten Tee und nehme das als Kompliment.
20:41 Uhr – Datei speichern: _Ende_Vielleicht_2
Bildschirm aus.
Holstein bleibt.
Wie immer.
Holstein sagt:
„Ein Tag im Leben eines Autors ist wie ein Buch ohne Umschlag.
Unübersichtlich. Verletzbar. Und selten freiwillig geöffnet.“