Was ich wirklich tue, wenn ich schreibe…

(Spoiler: Es ist 73 % Prokrastination)

Von Mark Danow

Wenn ich sage: „Ich schreibe gerade an meinem Roman“, dann meine ich in Wirklichkeit:

  • Ich habe das Dokument geöffnet.
  • Ich habe den Cursor angeschaut, wie er blinkt.
  • Ich habe eine tiefgründige Verbindung zu diesem Cursor aufgebaut.
  • Ich habe ihn dann ignoriert und stattdessen einen Schwarztee gemacht, weil Holstein gesagt hat, Kaffee sei für Anfänger.

Schreiben, das echte, produktive Schreiben, bei dem Wörter in logischer Reihenfolge entstehen, macht etwa 27 % meines Arbeitsprozesses aus.
Der Rest besteht aus:

1. Dialoge laut sprechen

Allein.
Mit verschiedenen Stimmen.
Manchmal mit britischem Akzent, obwohl niemand im Buch aus Großbritannien stammt.

2. Tee aufsetzen

Eine Tätigkeit, die ich so häufig wiederhole, dass ich inzwischen ein Wasserkessel-basiertes Belohnungssystem für mich selbst entwickelt habe.

3. Ordner anlegen mit Dateinamen wie „Version_final_v7_FIXEND_REAL“

Sieben Minuten später beginne ich die Datei „V8_dochMitPudel“ – aus dramaturgischen Gründen.

4. Recherche zu Dingen, die nichts mit dem Roman zu tun haben

Beispiele:

  • „Wie viel verdient ein Standesbeamter?“
  • „Was passiert, wenn man Google fragt, ob man real ist?“
  • „Kann ein Hund passiv-aggressiv sein?“
  • (Spoiler: ja.)

5. Mit Holstein streiten

Er ist imaginär.
Aber besser vorbereitet als ich.
Sein Monokel sitzt. Meins nicht mal metaphorisch.

6. An der Struktur zweifeln

Erst an der des Romans. Dann an der des Universums.
Dann wieder Tee.

7. Dateien retten, die nicht verloren sind

Weil „Sichern unter…“ mein persönliches Yoga ist.

8. Notizen in Notizbücher schreiben, die ich beim nächsten Kapitel garantiert nicht finde

Wenn man eine Idee aufschreibt und sie dann verliert, war sie dann überhaupt gut?

9. Starren

In die Wand.
In den Bildschirm.
In mich selbst, wenn ich zu lange im Zoom-Fenster hängen bleibe.

Fazit:

Ich schreibe.
Aber vor allem schreibe ich darum herum.
Und wenn dann doch ein Satz entsteht, der nicht völlig aus Scham zusammenbricht, dann liegt es nicht an Disziplin, sondern an Glück – und einer Pudelstimme, die mich höhnisch daran erinnert, dass andere Leute das beruflich machen.

Holstein sagt:

„Manche Autoren suchen Inspiration in der Welt. Mark Danow sucht sie im Wasserkocher.

Und wenn er sie findet, löscht er sie versehentlich, weil er dachte, die Datei hieß wirklich ‚KAPITEL_SICHER_KANN_MAN_SO_LASSEN.docx‘.

Ich bin nicht sein innerer Kritiker. Ich bin sein literarischer Vormund.“

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